Persönlicher Lernblog - Idee und Vision

Marco Jakob

Was entsteht, wenn wir die Schlagworte “Digitalisierung”, “Industrie 4.0” und “Lebenslanges Lernen” in einen Mixer geben? Vielleicht nur Schaum. Aber versuchen wir mal trotz der Unschärfe dieser Begriffe daraus eine Idee zu entwickeln.

Die Idee klingt banal: “Jede und jeder führt einen persönlichen Lernblog”

Ja, da kommt uns vielleicht Portfolio und ePortfolio in den Sinn. Keine grosse Neuigkeit. Wenn wir die Idee aber mit ein paar wichtigen Details anreichern und dann konsequent auf unsere Schule anwenden, dann wird vielleicht was draus.


Achtung: Dies ist die erste Skizze einer Idee und Vision. Das niederzuschreiben braucht etwas Mut, weil es noch nicht fertig poliert ist. Meine Hoffnung ist, dass andere Personen, insbesondere aus den Gruppen BOYD und AG bwd digital, mithelfen, die Idee weiter zu entwickeln und auszuprobieren.


Persönlicher Lernblog

Der persönliche Lernblog ist eine Website, auf der eine Person laufend notiert, was sie entdeckt, erarbeitet oder lernt. Neben abgeschlossenen Dingen hält man vor allem fest, wo man gerade dran ist und vielleicht auch, wenn mal etwas nicht gelingt. Oder man präsentiert unfertige Ideen - wie diesen Blogeintrag hier.

Lebenlang geht jeden an

Lebenslanges Lernen beginnt mit der Geburt und endet erst mit dem Tod. Das heisst, es betrifft uns alle. In einer Schule denkt man beim Lernen zuerst an die Schüler/innen. Aber müssten nicht gerade wir Lehrpersonen als Beispiel voran gehen und zeigen, wie wir lebenslang lernen? Mir ist aufgefallen, dass wir immer öfter einfordern, dass das Lernen reflektiert und zum Beispiel in einem Portfolio zusammengetragen werden soll. Aber die meisten von uns Lehrpersonen haben das selber kaum je gemacht oder machen es zumindest jetzt nicht mehr.

Deshalb wäre es doch genial, wenn möglichst viele Lehrpersonen einen eigenen Lernblog darüber führen, was sie im Moment gerade für Lern-Entdeckungen machen - sei es im Schulkontext oder auch sonst im Leben. Zusätzlich könnten wir auch versuchen, Leute aus dem Sekretariat, der Buchhaltung und der Schulleitung dafür zu gewinnen, einen Lernblog zu führen.

Öffentlicher Webauftritt

Ein geschlossenes System, worauf nur Leute der eigenen Schule Zugriff haben, ist meist nicht zeitgemäss und - wie ich finde - ziemlich langweilig. Denn wenn ich weiss, dass diese Zeilen öffentlich im Internet verfügbar sind, gebe ich mir mehr Mühe und bin vor allem motivierter, diesen Aufwand überhaupt zu betreiben. Ich weiss auch, dass ich einem erweiterten Publikum einen Link zur Seite schicken kann. Und wer weiss, vielleicht hilft es mal jemand anderem in seinem Lernen.

Die eigene Adresse im Web

Natürlich könnte man für alle eine Unter-Adresse (Subdomain) der Schule einrichten, z.B. https://marcojakob.bwdbern.ch. Das lässt sich aber nicht vereinbaren mit dem lebenslangen Lernen. Denn sobald jemand die Schule verlässt, passt diese Adresse nicht mehr. Jede Person sollte aber den persönlichen Lernblog auch nach der Zeit an der Schule genau gleich weiterführen können.

Deshalb finde ich es wichtig, dass jede Person einen eigenen Domainnamen reserviert und dort den Lernblog aufschaltet. Ich empfehle hier, den eigenen Namen zu verwenden. Ein Kunst- oder Spitzname könnte man nach ein paar Jahren doof finden. Er könnte auch unpassend sein, wenn man Teile vom Lernblog einem zukünftigen Arbeitgeber schicken möchte.

  • Empfohlen: www.marcojakob.ch (war leider vergeben)
  • Alternative: www.marco-jakob.ch (ohne Bindestrich wäre aber besser)
  • Lange Namen: www.marcoj.ch (bei langen oder komplizierten Namen)

Ownership - Kontrolle übernehmen

Mit einem Lernblog unter eigener Adresse kann jede/r seine eigene Geschichte erzählen. Wenn man die Domain selber kauft, dann kann man hinzufügen, ändern und löschen, wie man möchte. Die “Ownership” liegt damit klar bei der Autorin oder beim Autor selbst und nicht bei der Schule.

Es geht aber um mehr, nämlich darum, dass die Schüler/innen beginnen, Verantwortung zu übernehmen für ihr Lernen. Ob und in welchem Ausmass dies gelingt, hängt von etlichen Rahmenbedingungen und Dynamiken ab. Portfolioarbeiten sind schon Mitte der 1980er Jahre aufgetaucht. Inzwischen existieren etliche Untersuchungen über Portfolios. Wir werden bestimmt die Diskussion führen, wie wir mit Vorgaben, Feedbacks und Bewertung umgehen wollen.

Nutzen eines Lernblogs

Welchen Nutzen erhoffen wir uns von einem persönlichen Lernblog?

Für sich selbst

Zuallererst schreibt man einen Lernblog für sich selbst.

Wenn mein Blog von niemandem gelesen würde, ich würde ihn trotzdem schreiben!

Man nimmt sich Zeit, über etwas vertieft nachzudenken und es in eigener Form auszudrücken. Das können neben Text gerne auch Bilder oder Videos sein. Natürlich braucht das Arbeit, lohnt sich aber allemahl.

Wer dies regelmässig tut, baut einen reichen Schatz auf. Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich meine eigenen Blogeinträgen wieder hervorgeholt habe, um etwas nachzuschauen oder um ein Bild oder einen Link wieder zu finden (z.B. im Effinger Blog oder in meinem Programmierblog).

Alleine das Zurückschauen über die Blogeinträge motiviert. Weil nur so wird überhaupt erst sichtbar, welchen (Lern-)Weg man schon zurückgelegt hat.

Ganz nebenbei lernt man sehr viel über den Umgang mit digitalen Technologien.

Für die Stellensuche

Der Lernblog macht auch fit für die neue Arbeitswelt. Wenn die Erwartungen eintreffen über die zukünftig stärker geforderten Kompetenzen (was sie zum Teil jetzt schon tun), dann wird ein traditionelles Zeugnis mit Fächern und Noten immer unbedeutender für Arbeitgeber. Ein attraktives Portfolio in Form eines Lernblogs kann in diesem Fall viel aussagekräftiger sein.

Das gilt übrigens nicht nur für die Schüler/innen, sondern auch für Lehrpersonen und andere Mitarbeiter/innen der Schule, die sich in ihrer Karriere weiterentwickeln möchten.

Für die Selbständigkeit

Wer gelernt hat, sein Lernen selbstbestimmt zu organisieren und den eigenen Lernblog angereichert hat mit mehr als dem minimal geforderten Schulstoff, der erwirbt auf dem Weg auch mehr von dem, was man Entrepreneurship-Kompetenz nennen kann. Es ebnet den Weg in die persönliche und unternehmerische Selbständigkeit.

Für andere

Lernblog-Einträge schreibt man nicht nur für sich, sondern auch für andere, für ein Publikum. Man kann so voneinander lernen, aufeinander Bezug nehmen, Einträge verlinken und kommentieren. Damit wird Lernen zu etwas Sozialem.

Technische Umsetzung und Kosten

Ich habe seit über zehn Jahren die Entwicklung bei Webtechnologien intensiv beobachtet. Als Programmierer habe ich etliche Technologien für mich oder für meine Kunden eingesetzt. Die meisten Plattformen für eine Website unter eigenem Namen haben bisher mindestens CHF 70 pro Jahr gekostet. Ein Trend zur Vereinfachung hat dazu geführt, dass es heute möglich ist, eine Website zu betreiben für rund CHF 8 pro Jahr! Der Grund ist, dass man nur noch den Domainnamen bezahlt, während der Preis für das Speichern von einfachen Seiten praktisch gratis ist. Mit einem Preis von CHF 8 pro Jahr kommen wir in einen Bereich, wo jemand seinen persönlichen Lernblog auch nach der Schulzeit einfach weiterlaufen lassen kann.

Es gibt natürlich ein paar Anforderungen: Das Editieren muss sehr einfach sein. Trotzdem sollte es möglich sein, die Website nach eigenen Wünschen zu gestalten und zu erweitern. Mein eigener Lernblog ist ein erster Prototyp dafür, welcher aber noch weiterentwickelt werden muss. Wie es genau funktioniert, werde ich in einem zukünftigen Blogartikel ausführen.

Bring Your Own Device

Ein aktives Arbeiten mit dem Lernblog ist nur möglich, wenn elektronische Geräte unmittelbar verfügbar sind. Mit Bring Your Own Device wollen wir genau solche Szenarien wie den Lernblog ermöglichen.

Die Vision - ein Netz von Lernblogs

Ich habe jetzt vor allem über die individuellen Aspekte von Lernblogs gesprochen. Wenn jede Person unter eigenem Namen ihre eigene Website betreibt, dann sind das zuerst einmal sehr einsame Knoten im weiten Internet. Es wäre sehr schwierig, auch nur schon alle Seiten einer Klasse zu finden, geschweige denn der ganzen Schule.

Um das zu lösen, können wir ganz einfach auf Grundformen zurückgreifen, wie das Internet schon seit jeher funktioniert: Es sind die Verknüpfungen untereinander mit Links und die Plattformen, welche die neusten und besten Inhalte aus vielen anderen Seiten sammeln und übersichtlich darstellen.

So eine Aggregations-Plattform sollten wir als Schule betreiben. Dort könnte einerseits ein Index aller Lernblogs der Schule geführt werden. Weiter würden wir automatisiert die neusten Inhalte sammeln und präsentieren. Dies wäre auch der Ort, wo Kommentare und, sollte man dies wollen, auch “likes” hinterlassen werden könnten.

Darüber hinaus könnten sich verschiedene Leute journalistisch betätigen und aus der Fülle an Inhalten die hervorheben, welche besonders gelungen sind.

Und wenn wir dann so richtig digital transformiert sind, dann werden wir uns vielleicht besonders freuen über eine gedruckte Schulzeitung mit dem Besten, was die digitalen Lernblogs zu bieten haben.


Bildquelle: Schreibmaschine von Ake (free license)